04.08.2000
Ein Leitfaden für Anfänger zur Klimakonvention der Vereinten Nationen und zum Protokoll von Kyoto
Herausgegeben vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und dem Sekretariat der Klimarahmenkonvention (UNFCCC) mit großzügiger Unterstützung durch das deutsche Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Überarbeitet im September 1999. Diese Broschüre dient nur zu Informationszwecken und ist kein offizielles Dokument. Die Wiedergabe oder Übersetzung ihres Inhalts ist mit entsprechender Quellenangabe gestattet. Kontaktanschrift für nähere Informationen: Information Unit for Conventions (UNEP/IUC), International Environment House (Geneva), C.P. 356, 1219 Châtelaine, Schweiz. E-mail: iuc@unep.ch.
Klimaänderungen besser verstehen
Ein Leitfaden für Anfänger zur Klimakonvention der Vereinten Nationen und zum Protokoll von Kyoto
Was ist der Treibhauseffekt?
Langfristig muß die Erde in demselben Maße Energie abgeben, wie sie Energie von der Sonne aufnimmt. Die Sonnenenergie gelangt in Form von Strahlung mit kurzer Wellenlänge auf die Erde. Ein Teil dieser Strahlung wird von der Erdoberfläche und der Atmosphäre reflektiert. Der Großteil jedoch dringt durch die Atmosphäre und erwärmt die Erdoberfläche. Die Erde strahlt diese Energie in Form von Langwellen (Infrarotstrahlung) wieder zurück in den Weltraum.
Der Großteil der von der Erdoberfläche abgegebenen Infrarotstrahlung wird von der Atmosphäre in Form von Wasserdampf, Kohlendioxid und anderen natürlich vorkommenden „Treibhausgasen“ aufgenommen. Diese Gase verhindern, daß die Energie von der Erdoberfläche direkt in den Weltraum entweicht. Statt dessen transportieren zahlreiche interaktive Prozesse (Strahlung, Luftströme, Verdunstung, Bewölkung und Niederschläge) die Energie in die äußeren Schichten der Atmosphäre. Von dort gelangt sie in den Weltraum. Dieser langsamere, indirekte Prozeß ist unser Glück; würde nämlich die Erdoberfläche Energie ungehindert in den Weltraum abstrahlen, wäre die Erde ein kalter, unwirtlicher Ort — ein öder, unbewohnbarer Planet wie der Mars.
Unsere Treibhausgasemissionen erhöhen die Fähigkeit der Atmosphäre, Infrarotstrahlen zu absorbieren, und stören damit das durch das Klima aufrechterhaltene Gleichgewicht zwischen aufgenommener und abgegebener Energie. Wenn keine anderen Änderungen eintreten, würde die — für den Anfang des nächsten Jahrhunderts vorhergesagte — Verdoppelung der Konzentration langlebiger Treibhausgase die Geschwindigkeit, mit der der Planet Energie abgibt, um etwa 2 Prozent verringern. Energie kann sich nicht beliebig ansammeln. Das Klima muß sich in irgendeiner Weise anpassen, um den Energieüberschuß abzubauen — 2 Prozent klingen vielleicht harmlos, bedeuten aber für die gesamte Erde, daß sich pro Minute der Energiegehalt von rund 3 Millionen Tonnen Öl aufstaut.
Wissenschaftler warnen, daß wir den „Energiemotor“ verändern, der das Klimasystem steuert. Etwas muß geschehen, um den Schock zu mildern.
Erster Akt: Die Konvention
Ein riesiger Meteorit könnte auf die Erde fallen! Etwas anderes könnte geschehen! Die Temperatur könnte weltweit ansteigen! Wacht auf!
Die vergangenen Jahrzehnte waren eine Zeit der internationalen Gewissenserforschung in Sachen Umwelt. Was tun wir unserem Planeten an? Wir erkennen immer deutlicher, daß die industrielle Revolution die Beziehungen zwischen dem Menschen und der Natur ein für allemal geändert hat. Es ist ernsthaft zu befürchten, daß die Aktivitäten des Menschen die grundlegenden Voraussetzungen, unter denen bisher Leben auf der Erde gedeihen konnte, bis Mitte oder Ende des 21. Jahrhunderts verändert haben werden.
Das Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen von 1992 (die „Klimakonvention“) ist ein Übereinkommen aus einer ganzen Reihe internationaler Vereinbarungen der letzten Jahre, durch die sich Länder auf der ganzen Welt zusammengeschlossen haben, um dieser Herausforderung zu begegnen. Andere Übereinkommen betreffen etwa die Verschmutzung der Meere, die Verödung von Trockengebieten, die Schädigung der Ozonschicht sowie das immer raschere Aussterben von Tier- und Pflanzenarten. Die Klimakonvention befaßt sich mit einem besonders besorgniserregenden Aspekt: Wir verändern die Art und Weise, wie die Sonnenenergie auf die Atmosphäre unseres Planeten einwirkt und aus dieser wieder entweicht. Dadurch besteht die Gefahr einer globalen Klimaänderung. Ein Anstieg der Durchschnittstemperatur der Erdoberfläche und Veränderungen in den weltweiten Witterungsmustern können die Folge sein. Auch andere — derzeit nicht absehbare — Konsequenzen können nicht ausgeschlossen werden.
Wir sind also mit einigen Problemen konfrontiert.
Problem Nr. 1 (das große Problem):
Die Wissenschaft warnt vor einem raschen und tiefgreifenden Klimawandel in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten. Was können wir dagegen tun?
Ein riesiger Meteorit prallte tatsächlich auf die Erde — vor rund 65 Millionen Jahren. Bumm! Wissenschaftler vermuten, daß bei diesem Zusammenstoß so viel Staub aufgewirbelt wurde und in die Atmosphäre gelangte, daß drei Jahre lang Dunkelheit herrschte. Es drang so wenig Sonnenlicht auf die Erde, daß viele Pflanzen in ihrem Wachstum gehemmt wurden. Die Temperatur sank, die Nahrungskette brach zusammen, und viele Tierarten, darunter die größten, die es je auf der Erde gab, starben aus.
Das zumindest ist die gängige Theorie, warum die Dinosaurier ausstarben. Selbst diejenigen, die nicht direkt vom Meteoriten getroffen wurden, mußten ihr Leben lassen.
Die Katastrophe, die den Dinosauriern zum Verhängnis wurde, ist nur ein — wenn auch drastisches — Beispiel dafür, was Klimaänderungen für eine Spezies bedeuten können.
Einer anderen Theorie zufolge entwickelte sich der Mensch, als nach einer extrem trockenen Zeit vor 10 Millionen Jahren die Temperatur der Erde vor drei Millionen Jahren plötzlich sank. Die affenähnlichen höheren Primaten im afrikanischen Great Rift Valley waren gewohnt, in Bäumen zu leben, doch im Zuge dieses langfristigen Klimawandels entstand Grasland, wo einst Bäume wuchsen. Die „Menschenaffen“ fanden nun eine weite Ebene vor, die viel kälter und trockener war als ihr angestammter Lebensraum, und in der sie eine leichte Beute für Raubtiere waren.
Sie waren ernsthaft vom Aussterben bedroht. Doch die Primaten scheinen mit zwei Evolutionssprüngen reagiert zu haben — erst zu Wesen, die lange Strecken aufrecht gehen konnten, die Hände frei, um Kinder und Nahrung zu tragen; und dann zu Wesen mit viel größerem Gehirn, die Werkzeuge verwendeten und Allesfresser waren (sich sowohl von Pflanzen als auch Fleisch ernährten). Von diesem Wesen mit großem Gehirn wird allgemein angenommen, daß es sich um den ersten Menschen handelte.
Seither bestimmen Klimaänderungen das Schicksal des Menschen. Und die Menschen reagieren darauf, indem sie sich anpassen, fortziehen und klüger werden. Im Zuge einer späteren Reihe von Eiszeiten fiel der Meeresspiegel, und die Menschen zogen über Landbrücken von Asien nach Amerika und auf die Pazifik-Inseln. Es folgten weitere Wanderungsbewegungen, Innovationen und Naturkatastrophen. Einige können mit geringeren Klimaschwankungen in Verbindung gebracht werden, etwa einige Jahrzehnte oder Jahrhunderte mit leicht erhöhten oder etwas niedrigeren Temperaturen, oder aber mit langen Dürreperioden. Am bekanntesten ist die Kleine Eiszeit im Europa des Mittelalters, die Hungersnot, Aufstände und den Rückzug aus den nördlichen Siedlungsgebieten in Island und Grönland mit sich brachte. Seit Jahrtausenden ist der Mensch den Launen des Klimas ausgeliefert. Er reagiert darauf, indem er seinen Verstand benutzt; beeinflussen konnte er diese Großereignisse jedoch nicht.
Bis jetzt. Ironischerweise waren wir Menschen bisher als Spezies so erfolgreich, daß wir uns in eine Sackgasse manövriert haben. Wir sind so zahlreich geworden, daß für eine große Wanderungsbewegung im Falle einer einschneidenden Klimaänderung kaum mehr Platz ist. Und die Produkte unseres großen Gehirns — unsere Industrien, der Verkehr und andere Errungenschaften dieser Art — haben bewirkt, was bisher undenkbar war. Früher änderte das globale Klima den Menschen. Nun scheint der Mensch das globale Klima zu ändern. Wohin das führt, ist ungewiß; sollten sich jedoch die derzeitigen Vorhersagen bewahrheiten, dann werden die Klimaänderungen im nächsten Jahrhundert einschneidender sein als alle Klimaänderungen seit Menschengedenken.
Soweit derzeit abzusehen ist, wird die wichtigste Änderung die Erdatmosphäre betreffen. Der riesige Meteorit, der das Schicksal der Dinosaurier besiegelte, wirbelte große Staubwolken in die Luft. Wir gehen zwar subtiler, aber ebenso zerstörerisch zu Werke. Wir ändern das Gleichgewicht der Gase, die die Atmosphäre bilden. Das gilt vor allem für die sogenannten „Treibhausgase“ wie Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4) und Distickstoffoxid (N2O). (Das wichtigste Treibhausgas ist Wasserdampf, der jedoch von den Aktivitäten des Menschen nicht direkt beeinflußt wird.) Diese natürlich vorkommenden Gase bilden kaum ein Zehntel der gesamten Atmosphäre, die hauptsächlich aus Sauerstoff (21 Prozent) und Stickstoff (78 Prozent) besteht. Die Treibhausgase sind insofern lebenswichtig, als sie eine Schutzschicht um die Erde bilden. Ohne diese natürliche Gashülle wäre die Erdoberfläche um etwa 30° C kälter als heute.
Das Problem besteht darin, daß der Mensch mit seinen Aktivitäten diese Schutzschicht „dicker“ macht. Wenn wir zum Beispiel Kohle, Öl und Erdgas verbrennen, werden enorme Mengen Kohlendioxid in die Luft abgegeben. Wenn wir Wälder zerstören, entweicht der in den Bäumen gespeicherte Kohlenstoff in die Atmosphäre. Andere Aktivitäten wie Viehzucht und Reisanbau produzieren Methan, Distickstoffoxid und andere Treibhausgase. Wenn die Emissionen in demselben Maße wie bisher ansteigen, wird der Kohlendioxidanteil der Atmosphäre im 21. Jahrhundert aller Wahrscheinlichkeit nach doppelt so hoch sein wie vor der Industrialisierung. Wenn nichts unternommen wird, um die Treibhausgasemissionen einzudämmen, muß bis zum Jahr 2100 sogar mit einer Verdreifachung der Werte gerechnet werden.
Wissenschaftliche Kreise sind sich darin einig, daß das Resultat wahrscheinlich eine „globale Erwärmung“ von 1° C bis 3,5° C in den nächsten 100 Jahren sein wird, und zwar zusätzlich zu dem seit der vorindustriellen Periode vor 1850 registrierten Temperaturanstieg um ungefähr ein halbes Grad Celsius, der zumindest zum Teil auf die Abgabe von Treibhausgasen in der Vergangenheit zurückzuführen sein könnte.
Was das für uns bedeuten würde, ist schwer abzuschätzen, da das globale Klima ein sehr kompliziertes System ist. Wenn ein wichtiger Aspekt — wie etwa die globale Durchschnittstemperatur — verändert wird, hat dies weitreichende Konsequenzen. Hier reiht sich Ungewißheit an Ungewißheit … Es können zum Beispiel Änderungen in den seit Hunderten und Tausenden von Jahren vorherrschenden Verteilungsmustern von Wind und Regen eintreten, auf die sich Millionen Menschen eingestellt haben. Der Meeresspiegel kann ansteigen und Inseln und tiefliegende Küstengebiete bedrohen. In einer immer dichter bevölkerten und stärker belasteten Welt — einer Welt, die ohnehin genug Probleme hat — könnten diese zusätzlichen Belastungen weitere Hungersnöte und sonstige Katastrophen auslösen.
Während die Wissenschaftler fieberhaft forschen, um mehr über die Auswirkungen unserer Treibhausgasemissionen herauszufinden, haben sich Länder weltweit zusammengeschlossen, um das Problem gemeinsam anzugehen.
Wie reagiert die Konvention?
- Sie nennt das Problem beim Namen. Das ist ein wesentlicher Schritt. Es ist nicht einfach für die Nationen der Welt, sich auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen, vor allem angesichts eines Problems, dessen Auswirkungen ungewiß sind und das eher unsere Enkel betreffen wird als die heutige Generation. Dennoch wurde die Konvention in knapp über zwei Jahren ausgehandelt. Über 175 Staaten haben sie bereits ratifiziert und sind somit an die am 21. März 1994 in Kraft getretene Klimakonvention gebunden.
- Sie formuliert als „Endziel“ die Stabilisierung der „Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre auf einem Niveau, das eine gefährliche anthropogene [durch den Menschen verursachte] Störung des Klimasystems verhindert“. Konkrete Konzentrationen werden nicht genannt, sie müssen nur auf ein Niveau beschränkt werden, das ungefährlich ist. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, daß derzeit noch keine wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnisse darüber vorliegen, bei welchen Konzentrationen die Gefährdung beginnt. Die Wissenschaftler meinen, daß es etwa noch ein Jahrzehnt dauern wird (und sie die neue Generation von Supercomputern abwarten müssen), bevor die heutigen Unsicherheiten (oder viele von ihnen) endgültig geklärt werden können. Das in der Konvention festgelegte Ziel behält somit seine volle Gültigkeit, unabhängig davon, wie sich die Wissenschaft weiterentwickelt.
- Sie enthält die Forderung, daß „ein solches Niveau innerhalb eines Zeitraums erreicht werden [sollte], der ausreicht, daß sich die Ökosysteme auf natürliche Weise den Klimaänderungen anpassen können, die Nahrungsmittelerzeugung nicht gefährdet wird und die wirtschaftliche Entwicklung auf nachhaltige Weise fortgeführt werden kann.“ Hier kommt die Besorgnis um die Nahrungsmittelproduktion — wahrscheinlich die klimaabhängigste menschliche Aktivität — und die wirtschaftliche Entwicklung zum Ausdruck. Die Formulierung legt zudem nahe, daß ein gewisses Maß an Klimaänderung unvermeidbar ist — eine Meinung, die auch von den meisten Klimatologen vertreten wird — und daß es gewisser Maßnahmen zur Anpassung und Vorsorge bedarf.
Auch hier bleibt Raum für unterschiedliche Interpretationen — in Abhängigkeit von zukünftigen wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Bereitschaft der Weltgemeinschaft, Kompromisse und Risiken einzugehen.
Problem Nr. 2:
Wenn die Folgen eines Problems ungewiß sind, soll man das Problem ignorieren oder trotzdem etwas tun?
Der Klimawandel ist eine Bedrohung für die Menschheit. Doch niemand weiß genau, welche Auswirkungen er haben wird und wie gravierend sie sein werden. Auf die Bedrohung zu reagieren, wird sich sehr wahrscheinlich kompliziert und schwierig gestalten, ist man sich doch nicht einmal darin restlos einig, daß es überhaupt ein Problem gibt: Während viele sich Sorgen machen, daß die Auswirkungen katastrophale Ausmaße annehmen könnten, argumentieren andere immer noch, daß die Wissenschaft keinen Beweis dafür hat, daß das, was ihrer Meinung nach geschehen wird, auch tatsächlich geschieht. Auch ist nicht klar, wer (in den verschiedenen Regionen der Welt) am meisten betroffen sein wird. Wenn die Nationen der Welt jedoch so lange warten, bis die Folgen und die Opfer klar sind, ist es möglicherweise zu spät. Was also sollen wir tun?
In Wahrheit ist die Frage in den meisten wissenschaftlichen Kreisen nicht mehr, ob die Klimaänderungen ein potentiell gefährliches Problem sind oder nicht. Man überlegt vielmehr, wie sich das Problem entwickeln wird, mit welchen Auswirkungen zu rechnen ist und wie man sich am besten Klarheit über die Auswirkungen verschaffen kann. Computermodelle über etwas so Kompliziertes wie das Klimasystem des Planeten sind noch nicht weit genug entwickelt, um hier klare und eindeutige Antworten zu geben. Und trotzdem: Das von diesen Klimamodellen gezeichnete Bild schreit buchstäblich nach Aufmerksamkeit, auch wenn das Wann, Wo und Wie nach wie vor ungeklärt sind.
Hier einige Beispiele:
- Regionale Niederschlagsmuster können sich ändern. Es wird angenommen, daß sich der Verdunstungskreislauf global beschleunigen wird. Das bedeutet, daß mehr Regen fällt, dieser jedoch rascher verdunstet und die Böden in den kritischen Zeiten der Wachstumsperiode trockener sind. Neue oder schlimmere Dürreperioden — vor allem in den ärmeren Ländern — könnten die Trinkwasservorräte in einer Weise verknappen, daß die Gesundheit der Bevölkerung bedroht ist. Da die Wissenschaftler regionale Szenarios immer noch mit Skepsis betrachten, können sie nicht mit Sicherheit sagen, welche Gebiete der Erde feuchter und welche trockener werden. Die Gefahr ist jedoch real, wenn man bedenkt, daß die globalen Wasserressourcen schon heute durch das rasche Bevölkerungswachstum und die sich ausweitenden wirtschaftlichen Aktivitäten überbeansprucht sind.
- Klimazonen und landwirtschaftlich genutzte Flächen können sich polwärts verlagern. Bei einer Erwärmung um 1° C bis 3,5° C ist zu erwarten, daß die Verschiebung in den Regionen mittlerer Breiten 150 bis 550 Kilometer betragen wird. Trockenere Sommer können die Ernteerträge in diesen Regionen verringern, und es ist möglich, daß die heute als Kornkammern bekannten Gebiete (zum Beispiel die Great Plains in den Vereinigten Staaten) verstärkt unter Trockenheit und Hitzewellen zu leiden haben. Die polnahen Randzonen der landwirtschaftlichen Gebiete mittlerer Breite — Nordkanada, Skandinavien, Rußland und Japan in der nördlichen Hemisphäre sowie Südchile und Argentinien in der südlichen Hemisphäre — könnten von höheren Temperaturen profitieren. Doch in manchen Gebieten könnten die Ernteeinbußen der heute produktiven Gegenden aufgrund von unwegsamem Gelände und schlechten Böden nicht wettgemacht werden.
- Die Gletscherschmelze und Wärmeausdehnung des Meeres können den Meeresspiegel ansteigen lassen und tiefliegende Küstengebiete und kleine Inseln bedrohen. Der globale mittlere Meeresspiegel ist im Laufe des letzten Jahrhunderts bereits um rund 10 bis 15 Zentimeter gestiegen, und die globale Erwärmung wird bis zum Jahr 2100 aller Voraussicht nach einen weiteren Anstieg um 15 bis 95 Zentimeter bewirken (die wahrscheinlichste Schätzung liegt bei 50 Zentimetern). Am stärksten betroffen wären die ungeschützten, dicht bevölkerten Küstengebiete in einigen der ärmsten Länder der Welt. Mögliche Opfer wären Bangladesch, dessen Küste schon heute von verheerenden Überschwemmungen heimgesucht wird, und viele kleine Inselstaaten wie die Malediven.
Diese Szenarios sind erschreckend genug, um aufhorchen zu lassen, gleichzeitig aber zu ungewiß, um den Regierungen die Entscheidung leicht zu machen. Das Bild bleibt unscharf. Manche Regierungen, die mit anderen Problemen, Verantwortungen und finanziellen Verpflichtungen zu kämpfen haben, sind verständlicherweise versucht, gar nichts zu tun. Vielleicht erledigt sich das Problem von selbst. Oder jemand anderer kümmert sich darum. Vielleicht fällt wieder ein riesiger Meteorit auf die Erde. Wer weiß?
Wie reagiert die Konvention?
- Sie legt einen Rahmen und die Vorgehensweise für die Vereinbarung — späterer — konkreter Maßnahmen fest. Die Diplomaten, die die Klimakonvention verfaßt haben, sahen darin die Basis für mögliche zukünftige Maßnahmen. Sie erkannten, daß es den Regierungen der Welt im Jahr 1992 nicht möglich sein würde, einen detaillierten Plan zur Lösung des Problems „Klimawandel“ zu vereinbaren. Aber mit der Fixierung eines Rahmens in Form allgemeiner Grundsätze und Institutionen und der Einrichtung eines Prozesses, in dessen Rahmen die Regierungen in regelmäßigen Abständen zusammentreffen würden, machten sie einen ersten Schritt.
Der wesentliche Vorteil dieses Ansatzes liegt darin, daß er den Ländern die Möglichkeit gab, über das Thema Klimawandel nachzudenken, bevor sie sich überhaupt einig waren, daß es sich tatsächlich um ein Problem handelt. Selbst skeptische Länder meinen, daß sich die Teilnahme lohnt. (Oder sie würden, um es anders auszudrücken, ungern außen vor bleiben.) Damit erhielt die Frage Legitimität, und es entstand eine Art internationaler Gruppendruck, der dazu führte, daß man sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzte.
Die Konvention ist so konzipiert, daß die Länder sie im Lichte neuer wissenschaftlicher Entwicklungen verschärfen oder abschwächen können. Sie können zum Beispiel konkrete Maßnahmen (etwa die Reduzierung der Treibhausgasemissionen um eine bestimmte Menge) in Form von „Zusätzen“ oder „Protokollen“ zur Konvention beschließen. Dies ist genau, was 1997 durch die Verabschiedung des Protokolls von Kyoto geschah.
Trotz der vielen Fragezeichen fordert die Konvention auf der Grundlage einer neueren Entwicklung im Völkerrecht und in der Diplomatie — dem sogenannten „Vorsorgeprinzip“ — zu Taten auf. Nach der bisherigen völkerrechtlichen Praxis wurde eine Aktivität in der Regel nur dann eingeschränkt oder untersagt, wenn zwischen dieser und einer bestimmten schädlichen Auswirkung ein kausaler Zusammenhang nachgewiesen werden konnte. Doch viele Umweltprobleme — denken wir nur an die Schädigung der Ozonschicht und die Verschmutzung der Meere — können nicht in Angriff genommen werden, solange ein endgültiger Nachweis von Ursache und Wirkung gefordert wird. Die Völkergemeinschaft hat daher nach und nach das Vorsorgeprinzip akzeptiert, dem zufolge Aktivitäten, die möglicherweise schwere oder irreparable Schäden verursachen, eingeschränkt oder untersagt werden können, noch bevor ihre Auswirkungen mit hundertprozentiger Sicherheit wissenschaftlich belegt sind.
- Die Konvention legt vorläufige Maßnahmen fest, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt angebracht erscheinen. Die Unterzeichnerstaaten — in der Diplomatensprache Vertragsparteien genannt — kommen überein, den Klimawandel etwa in Fragen der Landwirtschaft, der Energie, der natürlichen Ressourcen und bei Maßnahmen in bezug auf ihre Meeresküsten in ihre Überlegungen mit einzubeziehen. Sie erklären sich bereit, nationale Programme zur Abschwächung der Klimaänderungen zu erarbeiten. Die Klimakonvention fordert sie zur Weitergabe von Technologien und zu anderen Formen der Zusammenarbeit im Hinblick auf die Verringerung des Treibhausgasausstoßes auf, insbesondere in den Bereichen Energie, Verkehr, Industrie, Land- und Forstwirtschaft sowie Abfallwirtschaft, die insgesamt fast alle vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen produzieren.
- Die Konvention ermutigt zu wissenschaftlicher Forschung über Klimaänderungen. Sie fordert zur Sammlung von Daten, zu Forschungsarbeit und Klimabeobachtung auf und setzt ein „Nebenorgan für wissenschaftliche und technologische Beratung“ ein, das den Regierungen Orientierungshilfen für ihr weiteres Vorgehen gibt. Jedes Land, das Vertragspartei ist, muß außerdem ein „Emissionsverzeichnis“ erstellen, in dem nationale Quellen (wie Fabriken und Verkehr) und „Senken“ (Wälder und andere natürliche Ökosysteme, die Treibhausgase aus der Atmosphäre abbauen) aufgelistet sind. Diese Inventare sind in regelmäßigen Abständen zu aktualisieren und zu veröffentlichen. Die darin enthaltenen Informationen geben Aufschluß darüber, welche Aktivität wieviel von welchem Gas verursacht, und sind somit eine wichtige Handhabe zur Überwachung von Änderungen in den Emissionen und zur Erfolgsmessung der gegensteuernden Maßnahmen.