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Über das Wesen von Zwischenräumen

    Günther Moewes im Deutschen Architektenblatt, DAB l2/96 1999

    Materie besteht aus Zwischenraum zwischen Atomen und die Welt besteht aus Materie mit Zwischenräumen. Die Welt ist objektiv überall gleich: Sie besteht zu weit über 99% aus immer gleichem, durchgehendem Zwischenraum. Daß wir einen Stadtraum anders erleben als den Weltraum oder als den Zwischenraum zwischen den Atomen unserer Fingerkuppe oder unserer Schnürsenkel, hängt mit der spezifischen Bandbreite unserer Wahrnehmung zusammen. Sie beurteilt diese Zwischenräume je nach ihrer Dimension völlig anders.

    Alle Gravitation, Wahrnehmung, Information und Kommunikation erfolgt nur über diese Zwischenräume, von denen nur ein sehr kleines Spektrum für uns sinnlich erlebbar ist. Aus diesem Bereich beziehen wir unsere Anschauung. Unsere Weltanschauung beziehen wir zum Teil aus dieser Anschauung, zum anderen, zunehmenden Teil, indem wir per Abstraktion über den sinnlich erlebbaren Bereich hinaus vordringen. Heute findet Kommunikation über die privaten Nahwelten hinaus zunehmend virtuell statt. Das Sozial-Sinnliche wird reduziert Die lnformation kann immer weniger durch Anschauung verifiziert werden. Anschauung (im doppelten Sinn des Wortes) wird immer manipulierbarer.

    Stadtraum ist sowohl als Arbeits- und Produktionsergebnis als auch in seiner Nutzung das Resultat von Sozialverhältnissen. Stadträume von Gesellschaften aus Emanzipierten sehen anders aus als solche von Sklaven und wiederum anders als solche, die von Einzelhirnen per Federstrich entworfen wurden. Stadträume von Emanzipierten waren etwa italienische Bergdörfer, das Campo in Siena oder die Burgerhäuser von Gent, Delft oder Prag. Auch Arbeitswelten bilden zuweilen aufregende Stadträume, weil sie nur nach ökonomischen und technischen Gesichtspunkten geplant wurden und nicht aufgrund ästhetischer Spekulationen. Was wäre wohl aus den Häfen dieser Welt geworden, hätten wir sie Einzelhirnen wie Corbusier oder Hilbersheimer überlassen?

    Warum ergeben dagegen sich selbst überlassene Siedlungsprozesse keine guten Räume, sondern nur favelas, gececondus, Lagos, Kalkutta? Vermutlich, weil die Stadträume von Wohngebieten einer soziaIen Übereinkunft bedürfen, zumindest der Beteiligten, der Nutzer. Aus der Summe bloßer Egoismen ohne Übereinkunft entstehen keine Stadträume. Allenfalls Einfamilienhauswüsten. Oder Las Vegas. Oder, wenn viel Geld linear sprießt, die antiräumIichen Kapitalspargel und Stalagmitenwälder New Yorks oder Hongkongs, die maskulinen Geschlechtertürme und Kirchturmagglomerationen der neuen Religion des Ökonomismus. Wo Stadtraum heute über die bloße Summe privater Nahwelten hinauskommt, ist „das Öffentliche“ reduziert auf Stoffwechsel und Kommerz.

    Einzelne Soziologen verkünden bereits die „Auflösung des Ortes“ zugunsten der Zeit. Sie übersehen, daß Raum und Zeit nicht erst seit Einstein untrennbar zusammenhängen. kleinere Tiere haben eine höhere Herzfrequenz, leben und reagieren schneller als große. Wäre es umgekehrt, könnten sie nicht überleben. Wir Menschen kommen ihnen vermutlich vor wie tumbe Zeitlupenwesen. Der Zeitmaßstab ist variabel. Ein Molekül denkt in Nanosekunden, das Weltall in Lichtjahren. Das Kleine komprimiert die Zeit, das Große dehnt sie. Das Kleine ist dem Schnellen zugeordnet, das Große dem Gemächlichen.

    Uns gelingen keine Raume mehr, uns gelingt immer weniger das räumlich und zeitlich Große und zunehmend nur noch das Kleine, weil wir zu hastig sind. Die Exponentialmaschine aus Zinseszins und Wachstumsideologie steigert pausenlos und exponentiell die Umdrehungszahlen. Der ständige Anlage-, Umsatz- und Amortisationsdruck des Geldes Iäßt den großen Zusammenhängen keine Zeit mehr, sich zu konstituieren.

    Eine falsche Bemerkung, eine winzige Dollarschwankung kann in Sekunden ganze Firmen und Staatshaushalte, kann Aufbauarbeit von Jahrzehnten ruinieren. Alles wird aus dem kleinen Blickwinkel von Betriebswirten angepackt: Regieren, Städtebau, Naturschutz, Gesundheitsschutz. Alles wird immer mehr zerstückelt. Verantwortung in Legislaturperioden, Wissenschaft in Fächer, Kunst in Ismen, Landschaft in Splitterflächen. Längst können wir den Dimensionen der Natur nicht mehr folgen. Der Beschäftigungs-Staat dreht alles so oft durch den Wolf, bis alle Bestandteile wie beim Recyclingpapier immer kleiner und unbrauchbarer geworden sind. Das Große mißlingt auch immer dann, wenn es nicht langsam aus Übereinkunft wächst, sondern per Einzelhirn verordnet wird. Hektik und Atomisierung lassen sich nicht durch große Gesten kompensieren. Ohne Übereinkunft, ohne Rückhalt in der Bevölkerung entsteht alles Mögliche: Eurokratie, Genmanipulation und Rechtschreibreform. Guter Stadtraum entsteht so nicht.

    Schlechte Stadträume korrumpieren Wahrnehmung, Sozialwahrnehmung und Kommunikation. Sie können leicht zu Aufmarschplätzen des Totalitären werden. In guten Stadträumen fallen dagegen Soziales, Kommunikation und sinnliche Anschauung noch zusammen. Sie können im besten Sinne Orte des Politischen werden. Sie können beitragen zum Widerstand gegen Manipulation. Und sie können nur wieder entstehen, wenn es uns gelingt, das Wirtschaftstempo zu entschleunigen. In jedem Fall gilt: Nirgendwo ist der Zustand einer Gesellschaft besser ablesbar als am Stadtraum.