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Die innere Auswanderung

    Es beginnt selten mit einem Koffer.

    Meistens beginnt es an einem gewöhnlichen Vormittag. Man steht in einer Schlange, liest eine Nachricht, hört einem Politiker zu oder versucht, einen Termin zu bekommen. Nichts davon ist dramatisch. Gerade darin liegt das Problem.

    Gesellschaften zerbrechen vermutlich nicht zuerst an großen Katastrophen. Sie werden vorher mühsam.

    Man bezahlt Steuern, wartet auf Züge, beantwortet Schreiben und stellt irgendwann fest, dass man sehr viel Zeit damit verbringt, Systeme zu bedienen, von denen man nicht recht weiß, ob sie noch einem selbst dienen.

    Dann kommt dieser Gedanke.

    Nicht jeden Tag. Nicht einmal besonders ernst.

    Man sitzt beim Kaffee und denkt:

    Man könnte auch gehen.

    Vielleicht Spanien. Österreich. Oder auch Griechenland. Irgendwohin, wo man wenigstens auf eine andere Art genervt wird.

    Ungefähr jeder fünfte Mensch in Deutschland kann sich inzwischen vorstellen, das Land zu verlassen. Nur ein kleiner Teil plant es tatsächlich.

    Interessanter als jene, die gehen, sind vielleicht jene, die bleiben und trotzdem gelegentlich geistig ihre Wohnung kündigen.

    Die innere Auswanderung beginnt lange vor dem Umzug.

    Sie beginnt in dem Moment, in dem man sich nicht mehr fragt, wie man die Gesellschaft verbessern könnte, sondern wie weit man sich von ihr entfernen müsste, um sie wieder ertragen zu können.

    Das ist etwas anderes als politische Wut.

    Wut ist immerhin noch Beteiligung.

    Wer wütend ist, erwartet noch etwas. Er schreibt Kommentare, wählt Parteien und glaubt auf eine rührende Weise daran, dass irgendein Mensch in einem Ministerium vielleicht eines Tages seine Argumente liest.

    Der innerlich Ausgewanderte erwartet weniger.

    Er schaut sich Immobilienpreise in Griechenland an.

    Früher demonstrierte man.

    Heute öffnet man Immobilienportale.

    Natürlich gehen die meisten nicht.

    Menschen haben Arbeitsplätze, Kinder, Eltern, Wohnungen und eine beträchtliche Anzahl Kabel, bei denen niemand mehr weiß, zu welchem Gerät sie gehören.

    Ein Leben lässt sich schwieriger verlagern als eine politische Meinung.

    Also bleibt man.

    Man gewöhnt sich daran, gelegentlich nicht hier sein zu wollen.

    Vielleicht ist genau das die merkwürdigste Entwicklung unserer Zeit.

    Nicht der Protest.

    Nicht die Polarisierung.

    Sondern diese leise Entfremdung.

    Menschen verlieren nicht unbedingt den Glauben an Demokratie oder Rechtsstaat. Sie verlieren etwas Banaleres und womöglich Gefährlicheres:

    die Lust auf ihre eigene Gesellschaft.

    Sie finden den Ton aggressiver, die Debatten dümmer, die Institutionen schwerfälliger und die Zukunft unklarer.

    Natürlich waren Gesellschaften vermutlich nie besonders angenehm. Die Vergangenheit bestand ebenfalls aus Idioten.

    Der Unterschied liegt vielleicht darin, dass man früher nicht permanent über deren Meinung informiert wurde.

    Das Smartphone hat diese Lücke geschlossen.

    Heute trägt jeder die gesamte gesellschaftliche Gereiztheit in der Hosentasche.

    Und dennoch sollte man den Wunsch wegzugehen nicht einfach als schlechte Laune behandeln.

    Wenn viele Menschen beginnen, ihr eigenes Land weniger als gemeinsamen Lebensraum und mehr als vorläufige Adresse zu betrachten, verändert sich etwas.

    Eine Gesellschaft lebt nicht nur davon, dass Menschen Steuern zahlen und Formulare ausfüllen.

    Sie lebt von einer stillen Zustimmung.

    Von dem Gefühl:

    Hier möchte ich sein.

    Hier lohnt es sich, etwas aufzubauen.

    Wenn dieses Gefühl verschwindet, bleibt zunächst alles stehen.

    Die Häuser.

    Die Behörden.

    Die Parlamente.

    Nur die innere Bindung wird dünner.

    Vielleicht ist das die eigentliche moderne Auswanderung.

    Man muss Deutschland gar nicht verlassen.

    Es reicht, sich vorzustellen, dass man es könnte.

    Und irgendwo im Hinterkopf liegt bereits ein kleiner imaginärer Koffer.

    Noch leer.

    Aber griffbereit.

    Kommentare

    brando @brando77970796: Seit Corona gehören wir nicht mehr dazu. Auf unserer kroatischen Insel sind wir mittlerweile „Locals“, man wird auf Augenhöhe behandelt. Deutschland ist meine Heimat aber nicht mehr mein Land.

    Käskoung @kaeskoung: Innerlich gekündigt … genau so ist es. Ich kann das Land leider nicht verlassen (mein Mann würde niemals mitgehen) – aber ich flüchte auch. Ich lese in letzter Zeit wieder sehr viele Bücher. Nachrichten und die Politik blende ich aus, so gut es geht. Meine Art von Flucht.

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